Über das Werk

Dr. Andrea Brockmann | Aus der Zeit genommen

Kirsten van den Bogaard interessiert sich für Menschen, sie beobachtet gerne, nimmt alltägliche Situationen in der Öffentlichkeit aufmerksam wahr und entwickelt daraus ihre Kunst. Die Künstlerin, 1963 in Hamburg geboren, nimmt selbstgemachte Fotos, Schnappschüsse, die zu hunderten bei ihren Beobachtungen auf Straßen und Plätzen entstehen, zum Ausgangspunkt ihrer Malerei, in der sie ihre Beobachtungen wiedergibt, aus einer wechselnden Perspektive, teilweise im Anschnitt, im Hoch- oder Querformat. Was sie von gewöhnlichen Bildern mit Ansammlungen von Menschen unterscheidet, ist der zufällige Charakter ihres Motivs, ist die Absichtslosigkeit, welche die dargestellten Menschen im Bezug auf die jeweilige Aufnahme an den Tag legen. Mag jeden auch eine bestimmte Absicht geleitet haben, im Augenblick der Aufnahme da gewesen zu sein, wo die Kamera sie erfasste – für das Bild zählt das nicht. Denn die Ziele der Menschen offenbaren sich nicht. Die Fotografie hat sie im Verfolgen ihres möglichen Wollens lediglich für einen winzigen Moment unterbrochen, hat sie aus der Zeit genommen. So wie ihre Absichten bleibt die persönliche Seite der Menschen verborgen. Allein ihre äußere Erscheinung, ihr Alter, Geschlecht, Gang und Kleidung oder Accessoires erlauben, wenn auch nur oberflächliche, Schlüsse.

Gleichwohl fehlt ihnen die Atmosphäre der Großstadtszenerie. Statt an einem identifizierbaren Ort befinden sie sich augenscheinlich in einem unbestimmten Irgendwo, das vielleicht auch ein Nirgendwo ist. Denn die Künstlerin reduziert die ursprüngliche Straßenfotografie in ihrem Malakt auf die menschliche Figur, die zumeist von hinten oder im Halb- und Viertelprofil dargestellt wird. Weiß oder schwarz hochglanzlackierte Aluminiumplatten, auf den Kirsten van den Bogaard malt, liefern den anonymen Hintergrund und nicht die vielgliedrige Architektur der Stadt und das Outfit ihrer Signale. Auf den spezifischen Ort der Aufnahmen deutet nichts hin. Kirsten van den Bogaard konzentriert sich auf den Einzelnen in seiner Identität, auf Konstellationen, auf Paare und Gruppen, auf Bewegungen und Haltungen der Menschen, auf das Situative. Die Titel ihrer Werke geben keine Ortsangabe oder ein Datum an, sondern nur die Zeit der Beobachtung, auch ein Hinweis auf das Zufällige, das Flüchtige, das Allgemeingültige.

Nicht bloß, was die Bilder wiedergeben, ist Aussage, sondern ihre spezifische Form, die ihre Betrachter gleichsam in das dargestellte Geschehen einbindet, sie beinahe ein Bestandteil derselben werden lässt, um das Bild als einen Akt aktiver Wahrnehmung bewusst zu machen. Wir spiegeln uns im Hochglanzlack, im Schwarz stärker als im Weiß, und treten so in eine direkte Beziehung zum Dargestellten. Wir finden uns in einer Konstellation, in einer Haltung, in einer Situation wieder und können so unsere eigene Geschichte miterzählen.

Es geht der Künstlerin in ihren Bildern weder um ein individuelles Porträt der vorbeieilenden Menschen noch um eine Sozialreportage unserer westlichen Kultur, obgleich das individuelle Gebaren ihrer unfreiwilligen Modelle sowie ihre besondere Kleidung reizvolle gesellschaftliche und kulturelle Aufschlüsse vermitteln können. Sie arbeitet vielmehr an einer Art Chronik. Seit 2006 malt sie in dieser Form ihre Beobachtungen, zunächst auf Leinwand, nach Experimenten nun seit einigen Jahren auf Aludibond, dem Material für Foto- und Schilderdruck. Das Motiv gibt ihr immer wieder neue Impulse und Inspiration. „Menschen sind nie langweilig“, sagt Kirsten van den Bogaard und setzt ihre Werkserie „Gemalte Gegenwart“ beständig fort.

Dr. Andrea Brockmann, Kunstverein Galerie Münsterland e.V.

 

Dr. Martin Feltes | Beobachtungen

Beobachtungen bilden das Leitthema von Kirsten van den Bogaard, Beobachtungen von Menschen im städtischen Umfeld der Straßen und Plätze. Mit ihrem kreativen Blick hat die Künstlerin unspektakuläre Alltagsszenen fotografisch festgehalten, um dann die reiche Beute im heimischen Atelier zu sichten. Menschen, die stehen, sitzen, hasten oder bummeln, Menschen unterwegs, beim Einkaufen, Fotografieren oder Schauen. Menschen aus allen Generationen. Entscheidendes Kriterium für die Auswahl der Motive zur malerischen Umsetzung ist ihre appellative Kraft. Kirsten van den Bogaard wählt die Motive aus, die die Phantasie des Betrachters aktivieren. Ihre Beobachtungen von Menschen im Alltag sollen uns anregen, Geschichten zu erfinden, zu erzählen und auszumalen. Das macht die Sache interessant und spannend.

Unterstützt wird dieser Appell an die schöpferische Einbildungskraft des Betrachters durch den bewussten Verzicht auf einen architektonischen oder landschaftlichen Umraum, sowie durch den häufigen Ausschnittcharakter der figürlichen Motive. Fehlendes gilt es in der Erfindungsgabe des Betrachters zu ergänzen, dessen Position vor dem Gemälde zudem durch das obligatorische Motiv der Rückenfigur zitiert wird. Und der Betrachter ist auch im Bilde durch die Spiegelungen seiner Umrisse auf dem Bildträger der hochglänzenden Aluminiumplatten.
Der Betrachter wird zum Beobachter.

Kirsten van den Bogaard malt Bilder nach Bildern und setzt sich damit mit dem Phänomen des Massenmediums der Fotografie künstlerisch auseinander, das mit der Erfindung der Digitalfotografie eine neue Qualität erreicht hat. Gemeinsam ist die Motivauswahl des Banalen und Alltäglichen, gemeinsam ist der Eindruck eines Schnappschusses sowie der Charakter des Zufälligen und Augenblickhaften. Und auch durch die Malweise in fotorealistische Manier wird die irritierende Nähe zu dem Massenmedium gesucht, wobei die Präzision der malerischen Umsetzung beeindruckt.
Körperlichkeit entsteht durch modellierende Farbverläufe, durch Lichtreflexe sowie durch das lebendige Spiel von Licht und Schatten. Eindrucksvoll ist auch die malerische Wiedergabe des Inkarnats sowie der Stofflichkeit der Haare und Kleidung, deren hoher Wahrscheinlichkeitsgrad ebenfalls an das Medium der Fotografie erinnert. Doch was auf dem ersten Blick wie ein Foto wirkt, lässt eine neue, eine eigene Bildrealität entstehen.

Denn im Unterschied zu den fotografischen Vorlagen scheinen die Figuren gleichsam auf dem schwarzen oder weißen Malgrund zu schweben, was durch den Kontrast der matt aufgetragenen Acrylfarbe mit dem glänzenden, sterilen und staubfreien Malgrund erzielt wird. Und im Widerspruch zur Momentaufnahme der Fotografie atmen die Gemälde eine Aura des Zeitlosen, die auf die Sekunden genaue Uhrzeit der Fotografie als Titel der Bilder künstlerisch antwortet. So wird das Alltägliche und Banale in der Kunst von Kirsten van den Bogaard zu etwas Besonderem und Geheimnisvollen, womit ein scharfer Gegensatz zu der inflationären Verbreitung von Bildern im Medium der Fotografie gesetzt wird.

Geheimnisvoll strahlen die Gemälde der Künstlerin auch durch die Schatten der Figuren im unwirklichen Raum, durch spannungsvolle Kompositionen sowie durch den Klang der Farben, der zum ästhetischen Reiz der Gemälde beiträgt.
Die durch Licht, Schatten und Farben erzielte malerische Präsenz der Motive steht im aufregenden Kontrast zu der distanzierten Malweise der Künstlerin, die keine emotionale Beteiligung und subjektive Befindlichkeit ausdrückt. Kirsten van den Bogaard malt nicht, was sie fühlt, sondern was sie gesehen hat. Und spannungsvoll ist auch der nähere Blick auf ihre Protagonisten: Konsequent verzichtet Kirsten van den Bogaard sowohl auf eine Psychologisierung der figürlichen Motive als auch auf die Darstellung ihrer physiognomischen Individualität. Denn Gesichter sind bei diesen Rückenfiguren nicht zu erkennen.
Die gesehenen und fotografierten Individuen werden in ihrer malerischen Interpretation zu Typen.

So erweist sich das künstlerische Werk von Kirsten van den Bogaard zu einem gemalten Spiegelbild der Gesellschaft, in dem sich auch der Betrachter spiegeln kann. Ausgestellt wird in der Galerie Lake eine malerische Position, die in ihrer ästhetischen Kraft, ihrer artistischen Umsetzung sowie in ihrer Aura des Geheimnisvollen und Deutbaren fasziniert.

Dr. Martin Feltes, Kunstkreis Cloppenburg e.V.

 

Daniela Kummle | Geschichten der Großstadt

Wir alle kennen die flüchtigen Szenen des Alltags in der Großstadt – Passanten, kleine Menschengruppen, die für einen kurzen Moment unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Die Künstlerin Kirsten van den Bogaard hält diese Augenblicke in ihren Gemälden fest und schafft damit so etwas wie Filmstills unserer Gegenwart.

Als distanzierte und doch einfühlsame Beobachterin streift sie durch die Städte, stets ausgestattet mit einer Kamera, um die Ausschnitte des urbanen Treibens fotografisch einzufangen. Sorgfältig wählt die Künstlerin aus der Vielzahl der Aufnahmen jene aus, die anschließend als Vorlage für ihre fotorealistischen Malereien dienen. Inspiration findet van den Bogaard im vermeintlich banalen Alltäglichen, das jedoch dazu geeignet ist, unsere Fantasie anzuregen. Gemeinsam mit der Künstlerin wird der Betrachter zum Flaneur, dessen Gedanken sich in den Reizen und Geschichten der Großstadt verlieren.

Erst durch die Übersetzung in das Medium der Malerei und die Isolierung der Figuren aus ihrer Umgebung werden aus den zufälligen Aufnahmen atmosphärische Kunstwerke voll bestechender Intensität. Dabei gelingt es van den Bogaard, über den Realismus der Darstellung die der Fotografie eigentümliche Zeitlichkeit und Ausschnitthaftigkeit in ihre Gemälde zu überführen. Zugleich wird der schnelllebige Alltag angehalten und ästhetisch überhöht – die Künstlerin lädt uns ein, inne zu halten und unsere Wahrnehmung zu schärfen.

Bemerkenswert ist van den Bogaards Arbeitsweise. So verzichtet sie auf eine Leinwand und verwendet stattdessen lackiertes Alu-Dibond als Untergrund – eine ungewöhnliche Wahl, die ihre Malerei abermals in die Nähe zur Fotografie rückt und die beiden Medien auch auf technischer Ebene in einen lebendigen Dialog treten lässt.

Daniela Kummle, Avenso Berlin

 

Dr. Ewald Bettinga | Reflexion

Kirsten van den Bogaard stellt den Menschen in den Focus ihrer Kunst. Einzelpersonen oder Gruppen werden selektiv, ohne zunächst sichtbare Einbindung in ihre Umgebung, dargestellt. Ausgangspunkt der künstlerischen Arbeit ist die Beobachtung der Menschen. Dann folgt das Fotografieren. Dabei wird nicht ein posierendes Gegenüber fotografiert, sondern Menschen in unspektakulären, alltäglichen Szenen. Beim Laufen, beim Sitzen, beim Ausruhen, mit dem Smartphone am Ohr oder beim Fotografieren. Es sind Momentaufnahmen, explizit in der Betitelung der Bilder belegt mit Uhrzeit bis auf die Sekunde.

Durch Selektion aus unzähligen Aufnahmen erfolgt dann die Motivwahl und letztendlich die malerische Umsetzung in einer fotorealistischen Malweise. Die Figuren sind in beeindruckender Weise ausmodelliert. In der Farbigkeit, der Stofflichkeit, dem Eingetauchtsein in das Sonnenlicht und insbesondere in der Darstellung des Inkarnats gelangen sie zu einer absoluten Glaubwürdigkeit.

Diese Glaubwürdigkeit lässt sie den Betrachter recht nahe kommen, obwohl die Personen in einer nicht definierten weißen oder schwarzen Fläche zu schweben scheinen und lediglich durch den Schattenwurf der Körper eine Bodenhaftung vermittelt wird.

In der Regel versuchen wir als Betrachter über die Körperhaltungen, über die Bewegungsabläufe, über die Kleidung und insbesondere über die Mimik von Menschen, etwas über ihre Handlungen, über ihre Absichten, vielleicht sogar etwas über ihre Gefühle zu erfahren. Über das äußere Erscheinungsbild kann man die Menschen in den Werken der Künstlerin sofort unserer Zeit zuordnen. Schnell möglich über die Kleidung, Frisuren und Accessoires. Klare Hinweise auf die Absichten und die persönliche Seite der Menschen sind verborgen.

Und in diesem Wahrnehmungs- und Beurteilungsprozess wäre es für den Betrachter außerordentlich hilfreich, die dargestellten Personen in ihrer Umgebung zu sehen. In den Bildern von Kirsten van den Bogaard wird uns, als Betrachter, eine gemalte Umgebung aber nicht angeboten. Ebenso können wir nur eingeschränkt auf die individuelle Physiognomie der Personen zurückgreifen, da sie zumeist von hinten oder im Halb- und Viertelprofil dargestellt werden.

Der Künstlerin geht es somit nicht um ein individuelles Portrait der gezeigten Menschen, und sie malt uns keinen identifizierbaren, umgebenden Bildraum. Das wesentliche eines Raumes ist die Dreidimensionalität. In der kunsthistorischen Betrachtung der Malerei ist seit der Entdeckung der Zentralperspektive in der Frührenaissance fast immer das Bemühen vorhanden, auf der Zweidimensionalität, auf der Fläche des Bildträgers, so zu gestalten, dass Tiefe, dass Räumlichkeit entsteht. Und das nicht nur über die Perspektive, auch über ein Hell und Dunkel, über ein Warm und Kalt, über ein Mehr und Weniger an Transparenz und über Farbigkeit, so wie bei den Fauvisten, deren Zielsetzung die Schaffung von Farbräumen war.

In den Bildern der Künstlerin sind die Personen, einzeln oder als Gruppe, über Plastizität und Perspektive so dargestellt wie es unserem Sehen entspricht. Wäre der Malgrund eine Leinwand, könnten wir uns als Betrachter den Umgebungsraum gedanklich und individuell selbst gestalten. Die Künstlerin bietet uns aber die Möglichkeit einer aktiven Wahrnehmung. Durch die Verwendung von Aluminium-Dibond-Platten als Malgrund, spiegeln wir uns als Betrachter, im Schwarz stärker als im Weiß, und werden mit unserer realen Umgebung Bestandteil eines Umgebungsraumes im Bild. Da die Figuren in mattem Acryl gemalt sind und wir uns im Glanz spiegeln, stehen wir, relativ zu unserem Betrachtungsabstand, in der Raumtiefe hinter den dargestellten Personen in ihrem Sichtfeld.

Unsere Augen wandern beim Betrachten der Bilder zwischen gemaltem Abbild und der Reflexion hin und her. Zwischen einer fixierten Momentbeschreibung von Menschen und deren Tun und einem beweglichen, durch den Betrachter veränderbaren Bildraum. Somit stehen dann auch zwei Zeitformen in einem Bild nebeneinander. Das gemalte Abbild als fixierte Vergangenheit und das sich immer in einem Jetztzustand befindliche, veränderbare Spiegelbild als Gegenwart.

Als ein Beispiel möchte ich auf die fotografierende Person auf schwarzem Grund hinweisen. Obgleich sie uns als Betrachter den Rücken zuwendet, fotografiert sie uns im reflektierten Raum. Die gemalte Person aus der Vergangenheit fotografiert die Zukunft. Die Künstlerin schafft es, Menschen unserer Gesellschaft, die sich auf verschiedenen, zeitlichen Ebenen befinden, und auf verschiedenen räumlichen Ebenen befinden, zusammenzuführen.

Dieses spannungsvolle Komponieren durch Malen und Nichtmalen, durch Verwendung matter Farben auf glänzendem Grund, führt in den Werken von Kirsten van den Bogaard zu einem hohen Maß an sinnlichen Wahrnehmungsmöglichkeiten, zu einem hohen Maß an Ästhetik. Und das erinnert an ein Diktum von Nietzsche. Nach diesem Diktum ist „das   ästhetische Phänomen einfach und elementar. Als ein Verhältnis, das sich zwischen den Dingen oder deren Schatten, zwischen den buchstäblichen oder metaphorischen Zuständen und zwischen den wirklichen und fiktiven Ereignissen alltäglichen Lebens abspielt.“ Und weiter sagt er: „es zu finden und zu fassen ist wahrlich schwer“. Und da bleibt mir nur, Nietzsche zu antworten: Wir hier im Kunstpavillon Aurich haben heute ein “ ästhetisches Phänomen “ gesehen.

Dr. Ewald Bettinga, Kunstverein Aurich e.V.